ERZIEHUNG ZU EINEM UNIVERSELLEN KUNSTVERSTÄNDNIS

 

In Florenz wurde mein Unterrichtssystem unter „EDUCAZIONE  UNIVERSALE“  bekannt, das ich in über 20 Jahren realisierte  zweimal in der Woche abends und jeden zweiten Sonntag Besuch von Museen ,Theatervorstellungen und Konzerten die zum jeweiligen Thema gehörten.  

 

Ich suche ein Thema aus, das  unsere Erfahrungswelt bereichert  wie auch wiederentdeckt,

das deutlich sichtbar ist   in der MUSIK in dem Notenbild ,in der MALEREI im Zeichenduktus, in der CHOREOGRAFIE  in der Beziehung der Tänzer und ihrer Schritte zueinander, in der DICHTUNG in der Grammatik und Wort- Silben- Beziehung, in der Bildhauerei in den Beziehungen der Winkel-Veränderungen  etc.  

 

EIN BEISPIEL: zwei parallel laufende  Formen gleichzeitig mit einer entgegenschreitenden einzigen – dritten – Figur .

                                    

1)      In der CHOREOGRAFIE zwei Tänzer , die in gleichen Bewegungen sich einem dritten Tänzer nähern oder entfernen kontrapunktisch .Zeigen eines Teiles eines Ballettes von Balanchine , Bejart , Kilian ,Graham etc.

2)      In der MUSIK : der Teil einer Fuge von Bach, in der dieses klar zu sehen – in der Partitur –und beim Hören nachzuvollziehen ist.. Oder in einer instrumentalen Fassung , in der sich zwei parallel laufende Instrumente einer Singstimme gegenüberstehen – wie in einer der Arien von Bach oder in zwar instrumentalen Überkreuzungen aber in der musikalischen Idee dem Thema gerechten Entwicklungen in der Suite von Schoenberg.

3)      In der MALEREI :in einer Zeichnung von Pontormo,  Leonardo  oder Cezanne , in der die Linien und die Linien-art , oder der Pinsel-duktus   das Thema deutlich zeigen wie auch die Stellung der Linien zum Blattformat in deren Intervallen.

4)      SKULPTUR : zwei parallellaufende  Formideen entwickeln sich einem Kontrastpunkt entgegen wie z.B. in griechischen Skulpturen oder bei Michelangelo oder Riemenschneider .Das Thema wird besonders deutlich , wo Gewandfalten parallel zum Stand- und Spielbein laufend einen einzigen Kontrapunkt fordern.

5)      DICHTUNG  :in der grammatischen und sprachlichen Gliederung z.B. bei  Hölderlin oder Goethe ( Baudelaire, Petrarca  ) in der Laute ,Vokale und Konsonanten das Thema entwickeln oder Neben- und Hauptsätze, die zwei Themen vorstellen und sich einem dritten gegenüberstellen.

6)      FILM :das Thema kann sowohl thematisch d.h. in der Darstellung zweier Charakter gegen einen dritten  aufgebaut werden( oder  in der Ausarbeitung zweier Leitmotive gegen ein drittes ) wie auch stilistisch z.B. mit der Kameraführung , die im Bildablauf zwei Ideen gegen eine dritte entwickelt und klar formulieren kann.( Bergman , Mizoguchi , Ives Robert , Kurosawa )

7)      Ersetzen wir die Kameraführung  mit der Regie  sind wir  beim 

THEATER :die Aufmerksamkeit auf  das thematisch-charakteristische wie auch auf das Wort und den Text kann je nach Dichter klar erkennbar werden von Shakespeare über Goethe zu Tennessee Williams und Mishima.                                                                                   

 

 

Diese Vorstellung eines Themas in verschiedenen Kunstarten verlangt vom Lehrer eine kreative Erlebniswelt , die gleichzeitig in allen Künsten das Thema wiederentdeckt.  Die dafür notwendige Kreativität überträgt sich auf die Zuhörer, die an den Entdeckungen teilhaben und in ihren eigenen Beziehungen zu dem Thema- durch ihre eigene Erfahrungswelt – neue eigene hinzu entdecken.  

 

 

 

 

 

 

 

 

                                     

   Christian Breyhan                                                                            Büttelborn, den 18.10.01